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Thüringer Weihnachtsgebäck
Wenn eine Sprachwissenschaftlerin in einen anderen Dialektraum umzieht – selbst, wenn sie eigentlich Fremdsprachen studiert hat –, fühlt sie sich eine Weile wie im Paradies. Mir jedenfalls ging es so, als es mich vor Jahren von Mittelhessen nach Thüringen verschlug. Jeden Abend berichtete ich meinem Mann begeistert von meinen Entdeckungen: neuen Wörtern, „merkwürdigen“ Aussprachen, faszinierenden Redewendungen. Auch musste ich feststellen, dass meine Zuhörer durchaus nicht alles verstanden, was ich sagte, manches gar amüsant fanden, obwohl ich mir doch einbildete, halbwegs Hochdeutsch zu sprechen. Besondere Fallstricke boten Einkäufe, vor allem beim hier Fleischer genannten Metzger. Beispielsweise war ich leicht beleidigt, als gleich mehrere Fleischereifachverkäuferinnen sich vor Lachen kringelten, als ich einen „Kringel“ Fleischwurst verlangte.
Zum Jahresende musste ich feststellen, dass der Ausdruck „zwischen den Jahren“ den Thüringern nicht geläufig ist. Diese vergnügten sich an meinem verblüfften Blick, als ich erstmals eine Frau sagen hörte, sie müsse jetzt aber dringend damit anfangen, „Schittchen“ zu backen. Schittchen? Schitte ist das Wort, das wir als Kinder benutzten, um das damals noch streng verbotene andere Wort mit Sch… zu umgehen! Was sollte da wohl gebacken werden? Es stellte sich heraus, dass es sich um „eine Stolle“ handelte, andernorts als der Stollen geläufig. Aber woher dieser Name?

Foto: © Eva Brandecker
Neugierig nahm ich Nachforschungen auf und fand heraus, dass auch die Sprachwissenschaftler dies nicht so genau sagen können. Da man im Raum Gotha jedoch „Scheitchen“ sagt, nehmen sie an, dass es sich daraus entwickelt hat und die Form des Stollens zu der Assoziation mit Holzscheiten geführt hat. Sicher sind sie sich aber nicht. Die Menschen in Erfurt und den südlich davon liegenden Orten stören sich jedenfalls nicht an dem leicht anrüchigen Klang des Wortes, sondern genießen ihr leckeres Weihnachtsgebäck. Ich wiederum finde es faszinierend, dass der Begriff aus einem Ort stammt, dessen Bewohner den Spitznamen „Puffbohnen“ tragen. Aber das ist eine andere Geschichte …
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Ich freue mich schon auf die Erklärung der “Puffbohnen”.
Schittchen, wie nett :-)
Es gibt auch einen französischen Kuchen mit Löffelbiskuits in einer Kastenform, der übersetzt “Holzscheit des Weihnachtsmannes” heißt. Offenbar gibt es diese Assoziationen häufiger.
“Die Stolle” sagen wir Berliner übrigens auch. Und apropos Berliner:
Als ich in Schleswig-Holstein einst Silvesterpfannkuchen in einer Bäckerei vorbestellen wollte, sagte die Bäckereifachverkäuferin: “Nä, also von Berlinern nehmen wir keine Vorbestellungen an!” Ich wollte gerade schwer beleidigt sein, als mir aufging, dass ich einem Sprachmissverständnis aufgesessen war :-)
Bis zu uns sind die Schittchen nicht gekommen, hier heißen sie Stollen (wie sich das gehört, echt mal). ;-)
Genau, über die Puffbohnen möchte ich auch mehr lesen. Da ich aus einer Berliner Familie stamme, ist mir „die Stolle“ sehr geläufig. Sehr spannend finde ich diese regionalen Eigenheiten.
Vielen Dank für den Beitrag, liebe Daniela. Durch das Foto ist er noch schöner geworden, auch dir, liebe Eva, vielen Dank!
Die Fleischwurst wird hier in Köln im Ring verkauft. Mit oder ohne Knoblauch. Die Blutwurst - Flönz genannt - ebenso.
Bei meiner ostpreußischen Oma hießen die Berliner Kräppel - ob das nun aber ihrer Heimat oder ihrem späteren Wohnsitz geschuldet ist, weiß ich nicht. Meine Berliner Oma sagt Pfannkuchen dazu.
Die Puffbohnen kenne ich nur als Dicke Bohnen unn bin ebenfalls auf die Erklärung gespannt.
Und jetzt geh ich Abendbrot machen.
Bei uns hier in Mittelsachsen sagt man auch Stollen. Kannte es garnicht anders!
Also, Kräppel als Bezeichnung für Berliner kenne ich aus meiner hessischen Heimat. In Thüringen muss ich allerdings Pfannkuchen verlangen, wenn ich das richtige Gebäck in der Bäckertüte finden möchte. Das, was die Hessen Pfannkuchen nennen, heißt hier dafür Eierkuchen.
Der Bertuch-Verlag nimmt mir in seinem heutigen Adventskalendertürchen die Erklärung der Puffbohnen ab: http://www.erfurt-lese.de/index.php?article_id=251
Ah, das ist ja wie bestellt, danke, wieder was gelernt. :-)
Kräppel und Co. kamen übrigens vor Jahren schon mal im Sprachblog vor.